Du kannst ruhig aus der Reihe tanzen, aber…

Vielleicht kennst du eine Frau, die sich schon als kleines Mädchen den frauenfeindlichen Erziehungsmaßnahmen und Maßregelungen der Erwachsenen widersetzte. Vielleicht warst du sogar selbst ein „unangepasstes“ Mädchen.

  • Wie ist es dir dabei ergangen?
  • Wie siehst du rückblickend diese Phase deines Lebens?
  • Musstest du einen Preis für deine Unabhängigkeit oder deinen Ausbruch aus den gesellschaftlichen Strukturen bezahlen?

Das Märchen „Das Mädchen mit den roten Schuhen“, das Clarissa Pinkola-Estés in ihrem Weltbestseller „Die Wolfsfrau“ analysierte, stellt genau das Thema der angepassten Frau in den Mittelpunkt. Denn das Mädchen in der Erzählung bricht zwar aus seinem Käfig aus, übersieht jedoch, dass es seine weiblichen Urinstinkte auf die falsche Art und Weise auslebt und erfährt auf sehr schmerzhafte Art und Weise, dass es seine neu gewonnene Freiheit teuer bezahlen muss.

Die Erzählung

Ein armes Waisenmädchen, das seine Schuhe selber aus roten Lumpen nähte, wird von einer reichen Dame eingeladen, fortan bei ihr zu wohnen. Dort werden ihre roten Schuhe verbrannt und das Mädchen wird gebadet, gekämmt und wunderschön eingekleidet. Es muss jedoch ab sofort den ganzen Tag still sitzen, darf nicht herumhüpfen und nur dann sprechen, wenn es gefragt wird.

Seine Sehnsucht nach den roten Schuhen wird immer größer, und so kauft es heimlich und gegen den Willen der alten Frau ein neues Paar. Doch sobald es die Schuhe anzieht, beginnen diese mit dem Mädchen zu tanzen und tragen sie durch Wald und Flur und über Berg und Tal. Als es in den Kirchhof hinein tanzt, wird es von einem Geist verflucht: „Du sollst in den roten Schuhen tanzen, bis deine Haut in Fetzen von deinen müden Knochen hängt und nichts mehr von dir übrig bleibt.“

Und so geschieht es auch. Die Schuhe tanzen und tanzen immerzu mit dem Mädchen, ohne dass es etwas dagegen unternehmen kann. Da bittet das Mädchen einen Scharfrichter, ihm die Schuhe mitsamt den Füßen abzuhacken, damit es endlich zu tanzen aufhören kann. Das tut der Mann auch, doch das Mädchen muss sich nun für den Rest ihres Lebens als bedauernswerte Dienstmagd das Armenbrot verdienen.

Die tiefere Bedeutung

Mit den roten Schuhen hat die junge Frau etwas Wertvolles verloren, denn sie symbolisieren ihre Freiheit und Ungestümtheit. Mit dem heimlichen Kauf der neuen Schuhe meint das Mädchen zwar, diese wiederzuerlangen, doch es übersieht dabei, dass der Kauf keine echte Befreiung, sondern nur eine Kompensation seiner Abhängigkeit ist. Denn es wird durch die neuen Schuhe und dem Zwang zu tanzen überhaupt nicht glücklich. Erst durch die Qualen der Selbstverstümmelung kann das Mädchen diese Kompensation aufheben, doch der Preis dafür ist ein sehr hoher.

„Und die Moral von der Geschichte“

Ähnlich, wie dem Mädchen, das in einem goldenen Käfig lebt und alles hat, was es benötigt – ausgenommen seiner Freiheit – geht es vielen Frauen. Nämlich, wenn sie

  • in unglücklichen Beziehungen leben
  • mit anerzogenen Minderwertigkeitskomplexen durchs Leben gehen
  • Angst vor Strafe und Erniedrigung haben oder
  • voller Scham sind

Eines Tages sagt jedoch sagt vielleicht die „wilde“ Frauenseele, die sie in sich tragen: „Jetzt ist Schluss mit der Unterdrückung!“ Dann sollten sie darauf besonders achten, durch ihren Befreiungsakt keinen dauerhaften Schaden zu erleiden (wie das Mädchen mit den roten Schuhen, die ihm letztendlich abgehackt werden mussten). Also:

  • Nicht Hals über Kopf aus schwierigen Lebenssituationen ausbrechen, um sich in ein wildes neues Leben zu stürzen, in dem sie sich dann verloren oder überfordert fühlen
  • Zu Beginn eines neuen Lebens sehr aufmerksam sein, beobachten, überlegen, registrieren und unterscheiden lernen
  • Die bisher erworbene Menschenkenntnis noch weiter vertiefen
  • Eine gesunde Skepsis anderen Menschen gegenüber entwickeln
  • Zu Beginn eines neuen Lebensabschnitts nicht zu stolz sein, um den Rat und die Hilfe anderer Frauen anzunehmen
  • Sich mit Menschen umgeben, die ihre Rückkehr zu den weiblichen Urinstinkten unterstützen und ermöglichen.

Wir sollten ruhig immer wieder mal aus der Reihe tanzen, aber dabei genau beobachten, ob wir dies aus einem Fluchtgedanken heraus machen, oder ob wir dabei wohlüberlegt vorgehen und einen kühlen Kopf bewahren! Denn wenn wir leiden, sind wir häufig von unseren weiblichen Urinstinkten abgeschnitten und spüren die drohenden Gefahren draußen in der freien „Wildbahn“ nicht mehr.

Jede einschneidende Veränderung im Leben einer Frau sollte deshalb nicht aus einem Affekt heraus, sondern wohlüberlegt und zum richtigen Zeitpunkt vollzogen werden.

 

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