Warum wir Frauen manchmal unsere Seele verlieren und was wir gewinnen, wenn wir sie wiederfinden

Selbst wenn wir Frauen über einen längeren Zeitraum gegen unsere eigentliche Natur verstoßen, wird die „Wilde Frau“ in uns dabei nicht vernichtet – es erschöpft uns einfach nur sehr. So oder so ähnlich formuliert Clarissa Pinkola Estés die Verleugnung unserer weiblichen Seele und deren Grundbedürfnisse in ihrem Weltbestseller „Die Wolfsfrau“.

„Wir wissen, dass wir keine Luft kriegen, wenn wir uns zu lange von anderen besetzen lassen. Wir wissen, dass es Zeiten gibt, in denen wir uns von allen Leuten und Dingen für ein Weilchen abkehren müssen.“ Doch „wenn der Aufruf zur Heimkehr erschallt, dann setzen die Teile in der Psyche, die heimlich oder weniger heimlich mit den Vorbereitungen beschäftigt waren, zum Sprung an und rufen: ‚Los jetzt! Auf geht’s!‘“[1]

Wer von uns Frauen war noch nie in einer Situation, die sich wie eine emotionale Sackgasse angefühlt hat? Wer hatte noch nie das Gefühl, seine Seele verloren oder freiwillig aufgegeben zu haben?

Clarissa Pinkola Estés hat zu diesem Thema eine alte Erzählung mit dem Titel „Seehundefell, Seelenhaut“ aufgeschrieben, die zu meinen Lieblingsgeschichten zählt. Hier ist eine Kurzfassung davon:

DIE ERZÄHLUNG

Ein einsamer Mann, der in den weißen Schneelandschaften des hohen Nordens lebt, beobachtet auf seiner Jagd nach Robben eine Gruppe von splitternackten, im Mondschein tanzenden weiblichen Wesen. Ihre Seehundefelle haben sie zuvor auf einem Felsen abgelegt, und da der Mann schon lange alleine lebt, versteckt er eine der Hüllen, um eine dieser Frauen an sich zu binden. Als sie zusammen mit den anderen wieder zurück ins Meer gleiten möchte, findet sie ihr Fell nicht mehr und muss bei ihm zurückbleiben. Er verspricht, ihr das Seehundefell nach sieben Sommern wiederzugeben, wenn sie bis dahin seine Frau bleibt.

Nach einiger Zeit bringt die Robbenfrau einen gemeinsamen Sohn zur Welt, den sie Ooruk nennen. Die Jahre vergehen und die Menschenhaut der Frau wird immer schuppiger und spröder und hängt schließlich in Fetzen an ihr herunter. Ihr weißes Fleisch wird hohl und grau, die Haare fallen aus und ihre einst ausdrucksstarken Augen spiegeln ihre Seele nicht mehr. Doch der Mann gibt ihr auch nach sieben Jahren das Fell nicht mehr zurück, weil er Angst hat, sie dann für immer zu verlieren.

Eines Tages findet die Seehundfrau ihr Fell unter einem Felsen, schlüpft hinein, packt ihr Kind und taucht in ihre alte Heimat – eine glitzernde Wasserstadt – ab. Obwohl dort ihre ursprüngliche Schönheit allmählich wieder zurückkehrt und sie glücklich ist, erkennt sie, dass ihr Sohn zurück in die Menschenwelt muss. Sie bringt Ooruk zurück an das Ufer und verspricht dem Kind, immer mit ihm verbunden zu bleiben.

Die Jahre ziehen ins Land und Ooruk wächst zu einem stattlichen und angesehenen Mann heran, den man manchmal dabei beobachten kann, wie er – auf einem Felsen kniend – Zwiesprache mit einer Seerobbe, die besonders weise, wilde, seelenvolle Augen hat und sich von niemandem trotz vieler Bemühungen fangen lässt, hält.

DIE TIEFERE BEDEUTUNG

Die Kernaussage dieses Märchens ist der Umstand, dass viele junge Frauen überhaupt nicht darauf vorbereitet sind, dass ihnen irgendwann ihre „Seelenhaut“ gestohlen werden könnte. Doch der Verlust ihrer seelischen und physischen Freiheiten, beispielsweise in einer einengenden oder unglücklichen Partnerschaft, die damit verbundenen Schwierigkeiten und der daraus resultierende Befreiungsschlag können einen starken (spirituellen) Entwicklungsschub in ihnen auslösen.

Er beginnt damit,

  • dass den Frauen bewusst wird, was in ihrem Leben oberste Priorität haben sollte.
  • Dann fassen sie den Entschluss, etwas Verlorenes (z. B. ihre Freiheit, ihre Stärke, ihre Intuition etc.) wiederzuerlangen.
  • Als Nächstes wird ihnen klar, dass sie zu ihrer eigenen Befreiung selbst etwas beitragen müssen.
  • Und letztendlich – wenn sie sich für den inneren oder äußeren Befreiungsschritt entschieden haben und ihn in die Tat umsetzen – durchlaufen sie einen gewaltigen inneren Transformationsprozess, der sie ihre bis dahin verborgenen Kräfte bzw. ihre medialen Fähigkeiten entfalten lässt.

WOMIT GEHST DU IN RESONANZ?

Lies meine Fragen durch und beobachte, welche Gefühle in dir hochkommen. Vielleicht magst du dazu auch deine Gedanken aufschreiben:

_ Hast du schon einmal erkennen müssen, dass du als junge Frau falsche Vorstellungen vom Leben hattest?

_ Hast du schon einmal durch Naivität, Unerfahrenheit oder Leichtgläubigkeit deine Freiheit, mehr oder weniger freiwillig, aufgegeben?

_ Warst/bist du in einer Situation, in der du meintest/meinst, innerlich oder äußerlich zu vertrocknen, weil du dir dein Robbenfell wegnehmen ließest/lässt?

_ Was war/wäre der Preis dafür gewesen, dein Robbenfell wieder zurückzubekommen?

_ Bist du aufgrund des Verlustes / der Aufgabe deiner Freiheit in einen tiefen inneren Prozess gekommen? Was hat er in dir ausgelöst? Was hat sich in dir bzw. für dich dadurch verändert?

_ Bist du bereit und in der Lage, dein Robbenfell zu verteidigen?

DER VERLUST DER SEELE ALS EINWEIHUNG

Nur wenn wir Frauen wirklich tief in unsere Seele hinabtauchen, können wir mit der uns innewohnenden Spiritualität wieder bewusst in Kontakt kommen. Denn es gibt zahllose Wege, die nach Hause führen, auch wenn sich die Öffnung, durch die man an einem Tag in die Tiefen geschlüpft ist, am nächsten Tag wieder als verschlossen erweist und man einen neuen Weg finden muss.

[1] Pinkola Estés, Clarissa. Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. München 1993. S. 318.

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